Erfahrungsbericht – Thomas Pfleger

May 2018

Im August und September 2016 hatte ich erstmalig das Vergnügen, zusammen mit Paul Hombach auf Kiripotib den Südhimmel zu beobachten. Zuhause in Deutschland habe ich berufsbedingt wenig Gelegenheit zur Himmelsbeobachtung, weshalb es sich anbietet, dieses Defizit dann konzentriert bei einem Astrourlaub zu kompensieren. Diesmal war Rolf Hempel vom DLR mein Begleiter.

Mit dem für die ersten Nächte gemieteten ICS 14,5“ f/4,7 auf Kiripotib muss ich mich nicht umgewöhnen, da ich ein bis auf das Öffnungsverhältnis baugleiches Gerät besitze. Als ich bestürzt von Martin Birkmeiers Tod erfuhr, war sofort klar, dass eine Beobachtung mit dem neuen ICS 24“ f/4 GND nicht nur ein tolles Beobachtungserlebnis versprach, sondern für mich auch eine Art Abschied von ihm war. Wir sind uns stets mehr als Freunde denn als Händler und Kunde begegnet und haben auf der Emberger Alm in Kärtnen nette Stunden zusammen verbracht.

Gegenüber des 2016er Aufenthalts stehen im Mai die Schaustücke der Milchstraße vom Skorpion bis Puppis günstig am Himmel. Dafür muss man auf die schönen Galaxien in Fornax und Sculptor oder auch auf die SMC verzichten.

Sternenhimmel

In keinem Teleskop erreicht man bei flächigen Objekten eine höhere Bildhelligkeit als bei der Beobachtung mit dem freien Auge. Das Teleskop hat „nur“ die Funktion, die Details eines Objektes soweit zu vergrößern, dass sie wahrnehmbar werden.

Daher ist von dem 24“ (von uns bald „Leviathan“ genannt, in Abspielung an das Riesenteleskop des Earl of Rosse in Parsonstown, Irland) zu erwarten, dass es bei sehr großflächigen Objekten nicht unbedingt einen besseren Seheindruck verschafft als z. B. das 14,5“. Sobald es aber darum geht, Details in kleinen Planetarischen Nebeln, filigrane Dunkelstrukturen in Galaktischen Nebeln oder Spiralarme von Galaxien zu erkennen, macht die riesige Öffnung den Unterschied zwischen erahnen und klar sehen!

So erfreuten wir uns an zahlreichen bekannten Galaxien, die zweifelsfrei und deutlich praktisch alle auf Fotos erkennbaren Spiralarme oder Dunkelstrukturen zeigten.

Centaurus A im 14,5“ zeigt das bekannte breite Staubband. Im 24“ sieht man zusätzlich durch eine Lücke im Staubband hindurch einen silbrigen Lichtschimmer des dahinterliegenden Zentralbereichs.

Die Sombrerogalaxie M 104 und die vom Nordhimmel bekannte NGC 4565 sind markante Galaxien in Kantenlage mit kontraststarken Staubstrukturen. Im 24“ wirken nicht nur diese Objekte geradezu überirdisch schön; man fragt sich, ob die Wahrnehmung wirklich live und real ist.

M 83 steht von Mitteleuropa aus tief am Himmel. Hier präsentiert sie sich mit drei klar definierten Spiralarmen. Beim Spicken (Bilder in Eye&Telescope) fällt auf: wir haben alles gesehen.

Die LMC präsentiert sich als eine Landschaft unzähliger Sternhaufen, Kugelhaufen und Gasnebel, von denen beim zwanglosen Herumschwenken häufig gleich ein ganzes Dutzend auf einmal im Gesichtsfeld zu sehen sind. Jeder Gedanke daran, das Gesehene zu identifizieren und im Logbuch zu verzeichnen, erscheint aussichtslos. Das wäre eine buchhalterische Fleißaufgabe für die Nächte mehrerer Neumondperioden. Also staunen und genießen wir das einfach nur!

Thomas Pfleger

Der neugierige und erfahrene Beobachter wird sich jedoch nicht nur an den „Big Five“ erfreuen wollen. Wenn schon so potente Optik zur Hand ist, dann darf es auch etwas subtiler zur Sache gehen. Kann man z. B. den Jet in M 87 sehen? Zunächst staune ich, dass der Zentralbereich bei Maximalvergrößerung von 517-fach nicht einfach hell und diffus aussieht, sondern strukturiert wie der Kern eines Kugelsternhaufens. Ich habe keine Ahnung, wie lang der Jet sein könnte und bei welchem Positionswinkel er nach außen läuft. So bin ich unvoreingenommen, als plötzlich in einem Augenblick sehr ruhiger Luft ein kleiner Spike bei 2 Uhr erscheint. Das wiederholt sich noch mehrmals und ich bin mir sicher, dass da „was ist“. Weil die Beobachtung anstrengend ist, wechseln wir uns ab.

Als der Jet mal wieder für mich sichtbar ist, sage ich es Rolf. Er wollte fast im gleichen Augenblick sagen, dass er den Jet ebenfalls auf 2 Uhr sehen konnte. Das passt! Endgültige Gewissheit erlangen wir am anderen Morgen beim Vergleich mit einem Bild.

Ich nutze den Leviathan sehr erfolgreich für weitere exotische und anspruchsvollere Beobachtungsziele. Hier profitiert man von sorgfältiger Vorbereitung! Nicht immer finde ich mein Zielobjekt. Mit Telrad und 50 mm Sucher ohne Fadenkreuz ist man an manchen Stellen des Himmels ohne mächtigere Hilfsmittel einfach verloren. Am eigenen 14,5“ springt in solchen Situation der Sky Commander (digitale Teilkreise) ein. Überhaupt könnte so ein Gerät helfen, die wertvolle Beobachtungszeit besser und vor allem ermüdungsfreier zu nutzen. Starhopping war ca. 25 Jahre lang mein Weg zum Ziel. Seit ich digitale Teilkreise benutze, will ich diesen Komfort nicht mehr missen. Ich brauche mir nicht mehr beweisen, dass es auch minimalistisch geht.

Omega Centauri bietet bekanntlich in jeder Optik einen imposanten Anblick. Man mag da noch mehr Sterne sehen als mit kleinerer Öffnung, aber für unseren Geschmack macht sich hier die bauartbedingte sehr starke Koma bei f/4 unangenehm bemerkbar. Der sweet spot mit scharfen Sternabbildungen ist bei der Minimalvergrößerung mit dem 21 mm Okular nur klein. Bei den höheren Vergrößerungen stört das nicht so sehr bzw. nicht mehr. Wir stellen uns vor, dass ein im Verhältnis zum Gesamtpreis dieser wunderbaren Optik preiswerter Komakorrektor daher einen enormen Gewinn brächte. Man könnte das maximale Gesichtsfeld des Lichtriesen wirklich sinnvoll nutzen. So können wir das im Mietumfang enthaltene teure, schwere 21 mm Ethos Okular oft zu nicht mehr als zum Aufsuchen verwenden – man denkt an die Assoziation von Schmuck und Nutztieren…

Hier im Astro-Park hat der Sternfreund also (fast) alles, was man sich wünschen kann: einen exzellenten Himmel, eine super Infrastruktur (Tisch, Stühle, 220V Schukosteckdose, Windschutz), eine reiche Auswahl an hochwertigen Equipment und im Falle von Bernd Müller einen sehr kompetenten, engagierten und auch humorvollen Betreuer.

Bernd reagiert sofort auf jeden vernünftigen und direkt realisierbaren Wunsch. Als wir z. B. zum ersten Mal bei unserer Beobachtungsplattform ankommen, stelle ich entsetzt fest, dass die Windabweiser eine geringe Beobachtungshöhe im Süden blockieren. So kein Blick zur LMC! Man hat die Planen zwar stabil, aber nicht lösbar befestigt. Bernd verspricht Abhilfe und anderntags bauen zwei Arbeiter an den beiden von uns genutzten Dobson-Plattformen die Planen so um, dass wir sie im Süden komplett abhängen können. Topp, das ist Service!

Die angenehmen Unterkünfte, das freundliche Personal und das gute Essen runden unser Beobachtungserlebnis ab. Schließlich sind wir im Urlaub und erholen uns trotz der intensiven Beobachterei prächtig.

Sternfreunden, die einen Aufenthalt hier planen, empfehle ich in Ergänzung zu hier gemieteter Optik ein handliches Fernglas mitzubringen. Mit einem 842 oder 1050 hat man nicht nur schnell die Orientierung zum Starhop, sondern kann auch von einem der Liegestühle aus wunderbar in den Sternen- und Nebellandschaften der Milchstraße schwelgen, die sich zu dieser Jahreszeit in spektakulärer Weise durch den Zenit über den ganzen Himmel zieht. Wer bisher der Objektkategorie Dunkelnebel nichts abgewinnen konnte, wird hier umdenken. Man kann auch hier ins Detail gehen: der Dunkelnebel „The Snake“ (Barnard 72) ist in mehreren Nächten auch Ziel im 14,5“ und 24“ Dobson. Der Leviathan zeigt uns die Schlange mit ihrem vollgefressenen Bauch und dem sich windenden Körper. Als wir fotografierenden Mitbeobachtern dies im Okular zeigen, sind sie davon begeistert. Nach dem Frühstück zeigen sie uns gleich ihre Aufnahmen von B 72. Eine tolle Gruppe, in der jeder von jedem lernt und die nicht nur fachsimpelt, sondern in der auch viel gelacht wird.